Kurzantwort
Logopäden zu finden ist für Praxen eine der schwersten Recruiting-Aufgaben im Gesundheitswesen – und seit 2025 gibt es dafür erstmals konkrete Zahlen aus dem eigenen Berufsverband: Eine im Fachmagazin forum:logopädie veröffentlichte Untersuchung nennt im Schnitt 1,6 unbesetzte Stellen pro logopädischer Praxis und 37,2 Wochen Wartezeit auf einen Therapieplatz am Nachmittag. Eine Stellenanzeige erreicht nur die wenigen, die aktiv suchen. Der Weg führt über die Logopäden, die bereits arbeiten und wechseln würden, über Berufsrückkehrer mit Teilzeitmodellen und über die nächsten Ausbildungsjahrgänge. Dieser Artikel zeigt die Zahlen, die Wechselgründe, sieben Wege für logopädische Praxen und den Aufbau einer Anzeige, die nicht ins Leere läuft.
Die Ausgangslage: Wartelisten aus Personalmangel
Wer eine logopädische Praxis führt, kennt die Situation: Die Warteliste wächst, Kinderärzte und Neurologen rufen an, Eltern fragen nach Nachmittagsterminen – und die Praxis kann nicht annehmen, weil die Stelle seit Monaten offen ist. Die 2025 in forum:logopädie, dem Fachmagazin des Deutschen Bundesverbands für Logopädie, veröffentlichte Untersuchung von Sarah Leder beschreibt genau das: durchschnittlich 1,6 unbesetzte Stellen pro Praxis, teils mit langen Vakanzzeiten, 37,2 Wochen Wartezeit auf einen Nachmittagsplatz, und Praxisinhaber, die die Lage als sehr belastend empfinden.
Das Besondere an der Logopädie: Die Nachfrage ist nicht das Problem. Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern, Schluckstörungen nach Schlaganfall, Stimmtherapie – der Bedarf wächst. Jede unbesetzte Stelle ist deshalb unmittelbar verlorener Umsatz und unversorgte Patienten. Und wie in der Physiotherapie und der Ergotherapie gilt: Eine Stellenanzeige auf einer Jobbörse erreicht nur die wenigen, die gerade aktiv suchen. Laut Stepstone Hiring Trends Update 2026 sind 94 Prozent der Beschäftigten grundsätzlich offen für eine berufliche Veränderung – die Logopäden, die du brauchst, arbeiten in der Klinik, in der Frühförderung, in der Nachbarpraxis, oder sie haben den Beruf wegen der Arbeitsbedingungen vorübergehend verlassen. Sie sehen deine Anzeige nicht, weil sie keine suchen.
Was Logopäden beim Wechsel wirklich suchen
Logopädie ist ein Beruf mit hoher fachlicher Identifikation, einem hohen Anteil an Teilzeit und sehr unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Daraus ergeben sich Wechselgründe, die sich von anderen Berufen unterscheiden – und die im Recruiting fast nie angesprochen werden:
- Behandlungszeit und Vor- und Nachbereitung. Therapiematerial vorbereiten, Elterngespräche, Berichte an Ärzte: Die Frage, ob das in der Arbeitszeit eingeplant ist oder nach Feierabend stattfindet, entscheidet mehr als das Gehalt.
- Ein Schwerpunkt, der passt. Kindersprache, Stimme, Neurologie, Dysphagie, Redeflussstörungen – Logopäden suchen Praxen, in denen ihr Schwerpunkt nicht Nebensache ist. Eine Anzeige, die „alle Störungsbilder“ verlangt, spricht niemanden gezielt an.
- Planbare Arbeitszeiten und echte Teilzeit. Viele Logopäden arbeiten in Teilzeit, viele sind Berufsrückkehrer. Wer feste Vormittage, feste Nachmittage oder Schulzeitenmodelle anbietet – und sie auch hält –, hat ein Argument, das Kliniken kaum bieten.
- Fortbildung, die bezahlt und freigestellt wird. Die Fortbildungskultur in der Logopädie ist stark, die Kurse sind teuer. Budget und Freistellung sind ein echtes Wechselargument.
- Fachlicher Austausch. Gerade in kleinen Praxen ist die Sorge groß, fachlich allein zu sein. Fallbesprechungen, interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ergo- und Physiotherapie, eine erfahrene Ansprechperson – das sind Argumente, die Kliniken sichtbarer machen als Praxen.
- Entlastung bei Bürokratie. Heilmittelverordnungen, Berichte, Abrechnung: Wer zeigt, dass die Praxis hier entlastet – durch Software, Abläufe oder Verwaltungskräfte –, spricht einen echten Schmerzpunkt an.
Logopäden wechseln nicht wegen eines besseren Jobs, sondern wegen besserer Bedingungen. Wer seine nicht zeigt, wird nicht verglichen – und nicht gewählt.
Sieben Wege, Logopäden zu finden
1. Das eigene Team und seine Ausbildungsjahrgänge
Logopäden kennen Logopäden – aus der Schule, aus dem Studium, aus Fortbildungen. Jede offene Stelle gehört zuerst ins Team: mit einer klaren Bitte, einer Vorlage zum Weiterleiten und einer Prämie. In einem kleinen Markt ist das oft der schnellste Weg zur ersten Bewerbung.
2. Berufsrückkehrer mit Teilzeitmodellen
Die Gruppe, die in der Logopädie am meisten unterschätzt wird. Logopäden, die nach Elternzeit nicht zurückgekehrt sind, weil keine Praxis feste Vormittage anbot. Logopäden, die aus der Klinik ausgestiegen sind. Wer Teilzeit aktiv bewirbt – in der Anzeige, auf Social Media, über den Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit –, erschließt Menschen, die keine Jobbörse lesen. Und die Nachmittage, an denen die Wartezeit am längsten ist, lassen sich mit zwei Teilzeitkräften oft besser abdecken als mit einer Vollzeitstelle.
3. Logopädieschulen und Hochschulen
Berufsfachschulen und Studiengänge sind der Ort, an dem die nächsten Jahrgänge sitzen. Praktikumsplätze, Praxisanleitung, Gastvorträge, Abschlussarbeiten – wer hier präsent ist, wird bekannt, bevor jemand seine erste Stelle sucht. Der Aufwand ist überschaubar, die Wirkung langfristig.
4. Social Recruiting mit echten Einblicken
Der Weg zu den Logopäden, die nicht suchen. Kurze Videos aus dem Praxisalltag – der Therapieraum für Kinder, das Team bei der Fallbesprechung, ein ehrlicher Satz zur Vorbereitungszeit – auf Instagram und Facebook, ergänzt um Anzeigen im Umkreis, gezielt nach Beruf und Alter. Wer so angesprochen wird, sieht, wie bei dir gearbeitet wird, bevor er sich meldet, und bewirbt sich über eine Kurzbewerbung in zwei Minuten. Wie das funktioniert, erklärt der Ratgeber Social Recruiting: Definition, Ablauf, Kanäle und Kosten.
5. Fach-Jobbörsen und Verbandsportale
Die Jobbörse des dbl und fachspezifische Portale erreichen aktiv Suchende im Fach – mit weniger Streuverlust als Indeed oder StepStone. Grundabsicherung, nicht Hauptkanal.
6. Die eigene Karriereseite
Jeder andere Weg endet hier: Wer interessiert ist, googelt die Praxis. Eine Seite je Stelle mit den konkreten Rahmenbedingungen – Behandlungs- und Vorbereitungszeit, Schwerpunkt, Arbeitszeitmodelle, Fortbildungsbudget, Team –, Fotos der echten Räume und ein Bewerbungsweg, der am Handy funktioniert. Was dort überzeugt, zeigt der Ratgeber Karriereseite Physiopraxis: Diese Inhalte überzeugen – die Logik gilt für logopädische Praxen genauso.
7. Personalvermittler – für die Ausnahme
Für eine einzelne Schlüsselstelle mit seltenem Schwerpunkt kann ein Vermittler helfen, wenn er nachweislich Kontakte in deiner Region hat. Das Honorar liegt laut BDU im Branchenschnitt bei 27,5 Prozent des Jahreszielgehalts je Einstellung und fällt bei jeder Stelle erneut an. Die Rechnung steht im Ratgeber Headhunter für Physiotherapeuten; sie gilt für die Logopädie unverändert.
Die Wege im Vergleich
| Jobbörse / Verbandsportal | Team, Rückkehrer & Schulen | Social Recruiting | Personalvermittler | |
|---|---|---|---|---|
| Erreicht | aktiv Suchende – wenige | Bekanntenkreis, Rückkehrer, nächste Jahrgänge | Wechselbereite im Umkreis, auch ohne Suche | gezielt Einzelpersonen |
| Kosten | Anzeigenpreis, erfolgsunabhängig | Prämie, Zeit für Anleitung | Aufbau + Werbebudget, je Stelle sinkend | Ø 27,5 % des Jahresgehalts, jedes Mal |
| Planbarkeit | gering | mittel, langfristig hoch | mittel bis hoch, sobald das System läuft | hoch bei echtem Pool |
| Rolle | Grundabsicherung | immer aktivieren – besonders Teilzeit | Hauptkanal für Wechselbereite | Ausnahme |
So baust du die Anzeige, die nicht ins Leere läuft
- 1
Titel = Beruf + Ort + Schwerpunkt + Modell
„Logopädin (m/w/d) Kindersprache – Kaiserslautern, Teilzeit ab 20 Stunden“ wird gesucht. „Verstärkung für unser Herzensteam“ nicht. Schwerpunkt und Arbeitszeitmodell im Titel sprechen genau die an, die danach suchen.
- 2
Die ersten drei Zeilen: drei konkrete Unterschiede
Vorbereitungszeit in der Arbeitszeit, feste Tage oder Schulzeitenmodell, Fortbildungsbudget mit Betrag und Freistellung. Zahlen, die man mit dem aktuellen Arbeitgeber vergleichen kann – keine Floskeln.
- 3
Gehaltsspanne und Stundenmodelle nennen
Fehlende Gehaltsangaben sind einer der häufigsten Abbruchgründe. Eine Spanne reicht. Dazu die möglichen Stundenmodelle – in der Logopädie oft das wichtigste Kriterium.
- 4
Das Team und die Räume zeigen
Wer behandelt hier, mit welchen Schwerpunkten, wie läuft der Austausch? Ein Foto des echten Teams und des Kindertherapieraums sagen mehr als „modern ausgestattete Praxis“.
- 5
Ehrlich sagen, was die Stelle verlangt
Nachmittagstermine bis 18 Uhr, Hausbesuche im Heim, Elterngespräche, Berichte an Ärzte: Wer das klar benennt, bekommt weniger, aber passendere Bewerbungen.
- 6
Kurzbewerbung statt Bewerbungsmappe
Name, Telefonnummer, Schwerpunkt, gewünschte Stundenzahl, frühester Start – mehr braucht es nicht für ein erstes Gespräch. Rückruf innerhalb eines Tages.
💡 Tipp
Frag dein Team: „Warum seid ihr hier und nicht in der Klinik oder in der Praxis nebenan?“ Die Antworten – meist Vorbereitungszeit, feste Tage, Austausch – sind die Basis für Anzeige, Karriereseite und jedes Video. Sie sind fast immer besser als alles, was man sich am Schreibtisch ausdenkt.
Interdisziplinäre Praxen: Logopädie als Teil des Teams
Viele Logopäden arbeiten in Praxen, die auch Ergotherapie oder Physiotherapie anbieten. Für das Recruiting ist das ein Vorteil: Interdisziplinärer Austausch ist eines der stärksten Argumente gegenüber der reinen Logopädiepraxis und gegenüber Kliniken, in denen die Logopädie oft eine kleine Abteilung ist. Wer das sichtbar macht – gemeinsame Fallbesprechungen, kurze Wege, Patienten, die in einem Haus versorgt werden –, spricht Logopäden an, die genau das vermissen.
Die Mechanik der Mitarbeitergewinnung ist für alle Therapieberufe dieselbe; die Unterschiede liegen in Schwerpunkten und Wechselgründen. Für Ergotherapeuten haben wir sie im Ratgeber Ergotherapeuten finden beschrieben, für Physiotherapeuten im Ratgeber Physiotherapeuten finden: alle Wege für deine Praxis; den Gesamtüberblick über alle Kanäle gibt der Ratgeber Bewerber finden: alle Wege im Vergleich.
Quellen
- Deutscher Bundesverband für Logopädie (dbl) / forum:logopädie: Versorgungsstrategien in der ambulanten Logopädie – Therapieplatzvergabe, Allokation und Umgang mit personellen Ressourcen in Zeiten des Fachkräftemangels (Sarah Leder, 2025) – durchschnittlich 37,2 Wochen Wartezeit nachmittags, im Schnitt 1,6 unbesetzte Stellen pro Praxis
- Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): IAB-Stellenerhebung 1/2026 (Online-Wege bei 52 % der Neueinstellungen 2025 entscheidend, persönliche Kontakte bei 27 %)
- Stepstone: Hiring Trends Update Frühling/Sommer 2026 (94 % grundsätzlich offen für berufliche Veränderung)
- Bundesverband Deutscher Unternehmensberatungen (BDU): Facts & Figures zum Personalberatungsmarkt, Pressemitteilung 27.08.2025 (Honorar Ø 27,5 % des Zieleinkommens)