Kurzantwort
Ergotherapeuten zu finden ist in Deutschland so schwer wie Physiotherapeuten zu finden: Beide Berufe erreichen in der Fachkräfteengpassanalyse 2024 der Bundesagentur für Arbeit 2,7 von 3 Engpasspunkten. Eine Stellenanzeige allein erreicht nur die wenigen, die gerade aktiv suchen. Wer eine Stelle besetzen will, muss die Ergotherapeuten erreichen, die bereits arbeiten und offen für einen Wechsel wären – und ihnen zeigen, was in der eigenen Praxis anders ist: Behandlungszeit, fachlicher Schwerpunkt, planbare Hausbesuche, ein Team, das sich austauscht. Dieser Artikel zeigt die Zahlen, die Wechselgründe, die sieben Wege, die für Ergotherapiepraxen funktionieren, und den Aufbau einer Anzeige, die nicht ins Leere läuft.
Die Ausgangslage: ein Engpassberuf wie die Physiotherapie
Die Bundesagentur für Arbeit bewertet jährlich rund 1.200 Berufe anhand von sechs Engpassindikatoren – unter anderem der Zeit, die gemeldete Stellen unbesetzt bleiben, der berufsspezifischen Arbeitslosenquote und dem Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen. Die Ergotherapie steht in der Auswertung 2024 mit 2,7 von 3 Punkten auf einer Stufe mit der Physiotherapie und über den Pflegeberufen. Übersetzt heißt das: Auf eine offene Stelle kommen deutlich weniger arbeitsuchende Ergotherapeuten, als Praxen bräuchten.
Für die einzelne Praxis hat das zwei Konsequenzen. Erstens: Eine Stellenanzeige auf einer Jobbörse konkurriert mit vielen anderen um die wenigen, die gerade aktiv suchen – und bleibt deshalb oft ohne Rückmeldung. Zweitens: Die Ergotherapeuten, die du brauchst, gibt es. Sie arbeiten nur gerade woanders – in der Klinik, in der Reha, in der Nachbarpraxis, in der Frühförderstelle – und würden wechseln, wenn sie das passende Angebot sähen. Laut Stepstone Hiring Trends Update 2026 sind 94 Prozent der Beschäftigten grundsätzlich offen für eine berufliche Veränderung. Das Problem ist nicht, dass niemand wechseln will. Das Problem ist, dass diese Menschen deine Anzeige nie sehen.
Was Ergotherapeuten beim Wechsel wirklich suchen
Ergotherapie ist ein Beruf mit hoher fachlicher Identifikation und sehr unterschiedlichen Arbeitsfeldern – wer in der Pädiatrie arbeitet, hat mit der Handtherapie oder der Psychiatrie wenig gemeinsam. Genau das ist der Schlüssel für das Recruiting: Ergotherapeuten wechseln selten wegen eines allgemein „besseren Jobs“, sondern wegen konkreter Rahmenbedingungen, die in ihrem aktuellen Arbeitsfeld fehlen.
Aus unserer Arbeit mit Praxen sind es immer wieder dieselben Punkte:
- Behandlungszeit statt Takt. Die Frage, wie viele Minuten pro Patient wirklich zur Verfügung stehen und ob Vor- und Nachbereitung eingeplant sind, entscheidet mehr als das Gehalt. Wer hier ehrlich gute Bedingungen bietet, hat das stärkste Argument im Markt.
- Ein fachlicher Schwerpunkt, der passt. Pädiatrie, Neurologie, Geriatrie, Handtherapie, Psychiatrie – Ergotherapeuten suchen Praxen, in denen ihr Schwerpunkt nicht Nebensache ist. Eine Anzeige, die „alle Bereiche“ verspricht, spricht niemanden gezielt an.
- Planbare Hausbesuche. Hausbesuche und Einsätze in Einrichtungen gehören in vielen Praxen dazu. Entscheidend ist, ob der Anteil klar geregelt ist, wie die Fahrtzeit vergütet wird und ob es Wahlmöglichkeiten gibt.
- Fortbildung, die bezahlt und freigestellt wird. Bobath, Handtherapie-Zertifikate, sensorische Integration: Die Fortbildungskultur ist in der Ergotherapie stark ausgeprägt. Budget und Freistellung sind ein echtes Wechselargument – vor allem gegenüber Arbeitgebern, die Fortbildung erwarten, aber nicht bezahlen.
- Fachlicher Austausch im Team. Gerade in kleinen Praxen ist die Sorge groß, fachlich allein zu sein. Regelmäßige Fallbesprechungen, interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Physio- und Logopädie-Kollegen, eine erfahrene Ansprechperson – das sind Argumente, die Kliniken oft besser sichtbar machen als Praxen.
- Dokumentation und Bürokratie. Heilmittelverordnungen, Berichte, Abrechnung: Wer zeigen kann, dass die Praxis hier entlastet – durch Software, Abläufe oder Verwaltungskräfte –, spricht einen echten Schmerzpunkt an.
Ergotherapeuten vergleichen keine Stellen, sondern Arbeitsbedingungen. Wer seine nicht zeigt, wird nicht verglichen – und damit auch nicht gewählt.
Sieben Wege, Ergotherapeuten zu finden
1. Das eigene Team und seine Ausbildungsjahrgänge
Ergotherapeuten kennen Ergotherapeuten – aus der Schule, aus Fortbildungen, aus früheren Arbeitsstellen. Jede offene Stelle gehört zuerst ins Team: mit einer klaren Bitte, einer Vorlage zum Weiterleiten und einer Prämie, die den Aufwand würdigt. In einem kleinen Markt ist das oft der schnellste Weg zur ersten Bewerbung.
2. Fach-Jobbörsen und Verbandsportale
Die Stellenbörsen der Berufsverbände und fachspezifische Portale erreichen aktiv Suchende im Fach – mit weniger Streuverlust als Indeed oder StepStone. Sie sind Grundabsicherung, nicht Hauptkanal: Sie erreichen nur die, die gerade suchen.
3. Kooperation mit Ergotherapieschulen und Hochschulen
Berufsfachschulen und Studiengänge sind der Ort, an dem die nächsten Jahrgänge sitzen. Praktikumsplätze, Praxisanleitung, Gastvorträge, ein Angebot für Abschlussarbeiten – wer hier präsent ist, wird bekannt, bevor jemand seine erste Stelle sucht. Der Aufwand ist überschaubar, die Wirkung langfristig.
4. Social Recruiting mit echten Einblicken
Der Weg zu den Ergotherapeuten, die nicht suchen. Kurze Videos aus dem Praxisalltag – ein Blick in den Pädiatrie-Raum, das Team bei der Fallbesprechung, ein ehrlicher Satz zur Behandlungszeit – auf Instagram und Facebook, ergänzt um Anzeigen im Umkreis, gezielt nach Beruf und Alter. Wer so angesprochen wird, sieht, wie bei dir gearbeitet wird, bevor er sich meldet, und bewirbt sich über eine Kurzbewerbung in zwei Minuten. Wie das funktioniert, erklärt der Ratgeber Social Recruiting: Definition, Ablauf, Kanäle und Kosten.
5. Fortbildungen und Fachnetzwerke
Wo Ergotherapeuten sich fortbilden, treffen sich die Wechselbereiten. Wer als Praxis Fortbildungen anbietet, Referenten stellt oder regionale Fachtreffen organisiert, wird in der Szene bekannt – und bekommt Bewerbungen von Menschen, die nie eine Anzeige gelesen hätten.
6. Die eigene Karriereseite
Jeder andere Weg endet hier: Wer interessiert ist, googelt die Praxis. Eine Seite je Stelle mit den konkreten Rahmenbedingungen – Behandlungszeit, Schwerpunkt, Hausbesuchsregelung, Fortbildungsbudget, Team –, Fotos der echten Räume und ein Bewerbungsweg, der am Handy funktioniert. Was dort überzeugt, zeigt der Ratgeber Karriereseite Physiopraxis: Diese Inhalte überzeugen – die Logik gilt für Ergotherapiepraxen genauso.
7. Personalvermittler – für die Ausnahme
Für eine einzelne Schlüsselstelle mit seltenem Schwerpunkt kann ein Vermittler helfen, wenn er nachweislich Kontakte in deiner Region hat. Das Honorar liegt laut BDU im Branchenschnitt bei 27,5 Prozent des Jahreszielgehalts je Einstellung – und fällt bei jeder Stelle erneut an. Die Rechnung dazu steht im Ratgeber Headhunter für Physiotherapeuten; sie gilt für die Ergotherapie unverändert.
Die Wege im Vergleich
| Jobbörse / Verbandsportal | Team & Schulen | Social Recruiting | Personalvermittler | |
|---|---|---|---|---|
| Erreicht | aktiv Suchende – im Engpassberuf wenige | Bekanntenkreis, nächste Jahrgänge | Wechselbereite im Umkreis, auch ohne Suche | gezielt Einzelpersonen |
| Kosten | Anzeigenpreis, erfolgsunabhängig | Prämie, Zeit für Anleitung | Aufbau + Werbebudget, je Stelle sinkend | Ø 27,5 % des Jahresgehalts, jedes Mal |
| Planbarkeit | gering | mittel, langfristig hoch | mittel bis hoch, sobald das System läuft | hoch bei echtem Pool |
| Rolle | Grundabsicherung | immer aktivieren | Hauptkanal für Wechselbereite | Ausnahme |
So baust du die Anzeige, die nicht ins Leere läuft
Egal auf welchem Weg: Irgendwann liest jemand deine Anzeige oder deine Karriereseite. Die meisten Ergotherapie-Anzeigen scheitern an derselben Stelle – sie beschreiben die Praxis, nicht den Unterschied.
- 1
Titel = Beruf + Ort + Schwerpunkt
„Ergotherapeut (m/w/d) Pädiatrie – Kaiserslautern, Teilzeit oder Vollzeit“ wird gesucht. „Verstärkung für unser Herzensteam“ nicht. Der Schwerpunkt im Titel spricht genau die an, die ihn suchen.
- 2
Die ersten drei Zeilen: drei konkrete Unterschiede
Behandlungszeit in Minuten, Hausbesuchsregelung, Fortbildungsbudget mit Betrag und Freistellung. Keine Floskeln – Zahlen, die man mit dem aktuellen Arbeitgeber vergleichen kann.
- 3
Gehaltsspanne und Arbeitszeitmodell nennen
Fehlende Gehaltsangaben sind einer der häufigsten Abbruchgründe. Eine Spanne reicht. Dazu Stundenzahl, Arbeitstage, Regelung für Abend- und Randzeiten.
- 4
Das Team zeigen
Wer behandelt hier, mit welchen Schwerpunkten, wie läuft der fachliche Austausch? Ein Foto des echten Teams und zwei Sätze zur Fallbesprechung sagen mehr als „kollegiales Umfeld“.
- 5
Ehrlich sagen, was die Stelle verlangt
Hausbesuche an zwei Tagen, Dokumentation in der Praxissoftware, gelegentlich Einsätze im Heim: Wer das klar benennt, bekommt weniger, aber passendere Bewerbungen.
- 6
Kurzbewerbung statt Bewerbungsmappe
Name, Telefonnummer, Schwerpunkt, frühester Starttermin – mehr braucht es nicht für ein erstes Gespräch. Lebenslauf und Zeugnisse kommen danach. Und: Rückruf innerhalb eines Tages.
💡 Tipp
Wenn du nicht weißt, was deine Praxis konkret anders macht, frag dein Team: „Warum seid ihr hier und nicht in der Klinik?“ Die Antworten sind fast immer besser als jede Formulierung, die man sich am Schreibtisch ausdenkt – und sie sind die Basis für Anzeige, Karriereseite und jedes Video.
Interdisziplinäre Praxen: Ergotherapie als Teil des Teams
Viele Ergotherapeuten arbeiten in Praxen, die auch Physiotherapie oder Logopädie anbieten. Das ist für das Recruiting ein Vorteil: Interdisziplinärer Austausch ist eines der stärksten Argumente gegenüber der reinen Ergotherapiepraxis – und gegenüber Kliniken, in denen die Ergotherapie oft eine kleine Abteilung ist. Wer eine Physiopraxis um Ergotherapie erweitert oder umgekehrt, sollte genau das sichtbar machen: gemeinsame Fallbesprechungen, kurze Wege zwischen den Disziplinen, Patienten, die in einem Haus versorgt werden.
Die Mechanik der Mitarbeitergewinnung ist dabei für alle Therapieberufe dieselbe; die Unterschiede liegen in Schwerpunkten und Wechselgründen. Für Physiotherapeuten haben wir sie im Ratgeber Physiotherapeuten finden: alle Wege für deine Praxis beschrieben, den Gesamtüberblick über alle Kanäle gibt der Ratgeber Bewerber finden: alle Wege im Vergleich.
Quellen
- Bundesagentur für Arbeit: Fachkräfteengpassanalyse 2024 (Blickpunkt Arbeitsmarkt, Mai 2025) – Ergotherapie und Physiotherapie je 2,7 von 3 Engpasspunkten, Pflegeberufe 2,3
- Bundesagentur für Arbeit: Presseinfo Nr. 25 vom 28.05.2025 – Qualifizierte Fachkräfte weiterhin gesucht
- Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): IAB-Stellenerhebung 1/2026 (Online-Wege bei 52 % der Neueinstellungen 2025 entscheidend, persönliche Kontakte bei 27 %)
- Stepstone: Hiring Trends Update Frühling/Sommer 2026 (94 % grundsätzlich offen für berufliche Veränderung)
- Bundesverband Deutscher Unternehmensberatungen (BDU): Facts & Figures zum Personalberatungsmarkt, Pressemitteilung 27.08.2025 (Honorar Ø 27,5 % des Zieleinkommens)