Kurzantwort
Azubis und Quereinsteiger sind der langsamste Weg, Mitarbeiter zu gewinnen – und in Engpassberufen der einzige, der nicht vom leergefegten Bewerbermarkt abhängt. Laut BIBB übertraf 2025 die Nachfrage junger Menschen das Angebot an Ausbildungsplätzen zum zweiten Mal in Folge, gleichzeitig sank die Zahl neuer Ausbildungsverträge auf 476.000 – Angebot und Nachfrage laufen regional und beruflich aneinander vorbei. Dieser Artikel zeigt, was junge Menschen und Quereinsteiger wirklich suchen, wo du sie erreichst (nicht auf Jobbörsen), welche Stellen sich für Quereinstieg eignen und wie Ausbildung zum planbaren Recruiting-Kanal wird.
Der Ausbildungsmarkt 2025: Nachfrage da, Passung nicht
Die Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung für 2025 widersprechen dem verbreiteten Bild, dass junge Menschen keine Ausbildung mehr wollen: Die Nachfrage stieg auf rund 560.300, das Angebot sank auf rund 530.300. Trotzdem wurden mit 476.000 neuen Ausbildungsverträgen 10.300 weniger abgeschlossen als im Vorjahr – und mehr Jugendliche blieben bei der Suche erfolglos. Das Problem ist die Passung: Betriebe suchen in Berufen und Regionen, in denen sich niemand bewirbt, Jugendliche suchen in Berufen und Regionen, in denen es keine Plätze gibt.
Für Praxen und Studios heißt das: Die Zielgruppe ist da. Sie muss nur von dir erfahren – und zwar dort, wo sie sich informiert. Und das ist nicht die Jobbörse. Jugendliche vor der Ausbildungswahl lesen keine Stellenanzeigen; sie schauen Instagram und TikTok, fragen Freunde und Eltern, machen Praktika, googeln den Betrieb, bevor sie sich melden. Wer dort nicht sichtbar ist, existiert für diese Gruppe nicht.
Was junge Menschen bei der Ausbildungswahl suchen
Die Wahl eines Ausbildungsbetriebs fällt selten rational nach Gehalt. Aus der Arbeit mit Praxen und Studios sind es vor allem diese Kriterien:
- Einblick, bevor sie sich bewerben. Wie sieht der Alltag aus, wer ist das Team, wie wird mit Azubis umgegangen? Ein Tag Praktikum oder ein ehrliches Video sagt mehr als jede Anzeige.
- Ein Ansprechpartner, der Zeit hat. Die größte Sorge: allein gelassen zu werden. Wer eine feste Ausbilderin benennt und zeigt, wie die Begleitung aussieht, nimmt diese Sorge.
- Sinn und Sichtbarkeit. Menschen helfen, Ergebnisse sehen, etwas können – in Therapie-, Gesundheits- und Fitnessberufen das stärkste Argument. Es muss nur ausgesprochen werden.
- Perspektive. Übernahme nach der Ausbildung, Fortbildung, ein Weg nach oben. Wer nach drei Jahren nur „mal sehen“ anbietet, verliert gegen den Betrieb, der Übernahme zusagt.
- Eltern, die mitentscheiden. Bei vielen Jugendlichen sitzen die Eltern mit am Tisch – und prüfen den Betrieb online. Google-Profil, Website und Bewertungen wirken auch auf diese Zielgruppe.
Jugendliche bewerben sich nicht bei einem Beruf, sondern bei Menschen. Wer sein Team zeigt, gewinnt gegen den Betrieb mit der besseren Anzeige.
Wo du Auszubildende erreichst
- 1
Social Media mit echten Einblicken
Instagram und TikTok sind für diese Zielgruppe der Hauptkanal: ein Azubi erzählt seinen Tag, das Team stellt sich vor, ein Blick in Behandlungsraum oder auf die Trainingsfläche. Kein Imagefilm – kurze, ehrliche Clips. Gezielte Anzeigen im Umkreis nach Alter ergänzen die organische Reichweite.
- 2
Praktika und Schulkooperationen
Schülerpraktika, Berufsorientierungstage, Besuche in Abschlussklassen, Kooperation mit Berufsfachschulen und Hochschulen. Wer ein gutes Praktikum bietet, bekommt die Bewerbung – und die der Mitschüler.
- 3
Die eigenen Auszubildenden
Azubis kennen Azubis. Wer seine Auszubildenden gut behandelt, hat Botschafter in genau der Altersgruppe, die er sucht – auf Social Media, in der Berufsschule, im Freundeskreis. Eine Prämie für Empfehlungen macht daraus einen Kanal.
- 4
Ausbildungsbörse der Arbeitsagentur und Berufsberatung
Kostenlos, reichweitenstark, und die Berufsberatung vermittelt aktiv. Für Quereinsteiger kommen Umschulungs- und Qualifizierungsförderung dazu.
- 5
Karriereseite für die Zielgruppe
Eine Seite je Ausbildungsberuf mit Ablauf, Ausbilderin, Gehalt, Übernahme, Bewerbungsweg ohne Anschreiben – und Fotos echter Azubis. Die Seite, auf der Eltern und Jugendliche nach dem Instagram-Clip landen.
Quereinsteiger: wo sie passen und was sie brauchen
Quereinsteiger sind für Praxen und Studios die zweite Gruppe, die unabhängig vom Fachkräftemarkt erreichbar ist – und die oft unterschätzt wird. Die Grenze ist klar: Wo eine Berufszulassung nötig ist – Physiotherapie, examinierte Pflege, ärztliche und zahnärztliche Assistenz mit Berufsbezug –, führt der Weg über Umschulung oder Ausbildung. Überall sonst ist Quereinstieg möglich:
| Physiopraxis | Fitnessstudio | Arztpraxis / Pflegedienst | |
|---|---|---|---|
| Quereinstieg möglich | Empfang, Terminorganisation, Abrechnung, Social Media | Trainingsfläche mit Lizenz, Kursbetreuung, Empfang, Mitgliederbetreuung, Verkauf | Empfang und Praxisorganisation, Abrechnung, Pflegehilfe mit Qualifizierung, Hauswirtschaft |
| Nur mit Ausbildung/Umschulung | Physiotherapie, Masseur | Physiotherapie im Studio, Reha-Sport-Leitung | MFA, examinierte Pflege, ZFA |
| Woher sie kommen | Einzelhandel, Gastronomie, Büro, Elternzeit-Rückkehr | Sportvereine, Gastronomie, Einzelhandel, Studierende | Hotellerie, Einzelhandel, Büro, Berufsrückkehr |
| Was sie brauchen | Einarbeitung in Software und Abläufe, fachliche Grundlagen | Lizenz (oft vom Betrieb finanziert), Produktwissen, Verkaufsgespräch | Datenschutz, Abläufe, Umgang mit Patienten, Qualifizierung über die Agentur für Arbeit |
Was Quereinsteiger beim Wechsel suchen, unterscheidet sich von Fachkräften: eine ehrliche Beschreibung dessen, was sie erwartet, eine Einarbeitung, die Unerfahrenheit einplant, eine Perspektive durch Qualifizierung und ein Team, das Neue nicht als Belastung sieht. Im Gegenzug bringen sie, was vielen Fachkräften fehlt: Lebenserfahrung, Kundenkontakt, Routine im Umgang mit Menschen. Die Einarbeitung ist der entscheidende Punkt – eine Checkliste dafür steht im Ratgeber Checkliste neuer Mitarbeiter, der vollständige Plan im Ratgeber Einarbeitung neuer Mitarbeiter.
💡 Tipp
Die Anzeige für Quereinsteiger muss anders aussehen als die für Fachkräfte: keine Anforderungsliste mit Berufserfahrung, sondern „Das bringst du mit“ (Freude am Umgang mit Menschen, Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft) und „Das bringen wir dir bei“ (Software, Abläufe, Fachwissen, Lizenz). Wer so ausschreibt, bekommt Bewerbungen von Menschen, die sich auf eine Fachkräfte-Anzeige nie gemeldet hätten.
Ausbildung als planbarer Recruiting-Kanal
Ausbildung wird in vielen Betrieben als Pflicht behandelt, nicht als Recruiting-Strategie. Dabei ist sie in Engpassberufen der einzige Kanal, der nicht vom Bewerbermarkt abhängt: Wer jedes Jahr ausbildet und gut übernimmt, hat einen Zufluss an Fachkräften, der unabhängig von Jobbörsen, Vermittlern und der Nachbarpraxis funktioniert. Die Voraussetzungen:
- Jedes Jahr ausbilden, nicht gelegentlich. Ein Ausbildungsbetrieb, der bekannt ist, bekommt Bewerbungen; einer, der alle fünf Jahre sucht, fängt jedes Mal bei null an.
- Ausbildung ernst nehmen. Eine feste Ausbilderin mit Zeit, ein Plan, regelmäßige Gespräche. Die Abbruchquote in der Ausbildung ist hoch, und jeder Abbruch ist ein verlorener Recruiting-Erfolg – die Gründe sind meist dieselben wie bei Kündigungen: sich allein gelassen fühlen.
- Übernahme zusagen – und halten. Das stärkste Argument in der Ausbildungswahl und der Moment, in dem sich die Investition auszahlt.
- Azubis sichtbar machen. Auf Social Media, auf der Website, in der Berufsschule. Zufriedene Auszubildende sind das glaubwürdigste Recruiting-Material für die nächste Generation – mit Einwilligung.
Wie Ausbildung, Quereinstieg und die anderen Wege zusammenspielen, zeigt der Ratgeber Bewerber finden: alle Wege im Vergleich; warum Bindung dabei das halbe Recruiting ist, der Ratgeber Mitarbeiterbindung: Fluktuation senken.
Quellen
- Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB): Der Ausbildungsmarkt im Jahr 2025, 10.12.2025 (476.000 neue Ausbildungsverträge, −2,1 %; Nachfrage rund 560.300, Angebot rund 530.300)
- Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB): Vorzeitige Vertragslösungen in der Berufsausbildung