Kurzantwort
Es kommt darauf an – aber seltener auf die Patienten, als die meisten denken. TikToks Nutzerschaft ist jung: Die Hälfte der 14- bis 29-Jährigen ist wöchentlich dort, bei den über 50-Jährigen sind es nur 7 Prozent. Für die meisten Arztpraxen heißt das: TikTok ist eher ein Recruiting-Kanal für junge Fachkräfte und MFA-Azubis als ein Kanal zur Patientengewinnung.
Wer nutzt TikTok in Deutschland eigentlich wirklich?
Bevor du überlegst, welche Videos du drehst, lohnt ein Blick auf die harte Zahl: Wen erreichst du dort überhaupt?
Laut der ARD/ZDF-Medienstudie 2025 nutzen 20 Prozent der Menschen in Deutschland TikTok mindestens einmal pro Woche. Damit liegt die Plattform auf Rang drei hinter Instagram (40 %) und Facebook (31 %). Täglich sind es 13 Prozent.
Interessant wird es beim Blick auf die Altersgruppen – und genau hier entscheidet sich alles:
Der Absturz zwischen den Altersgruppen ist brutal. Von jedem zweiten unter 30 auf jeden Vierzehnten bei den 50- bis 69-Jährigen. Das Durchschnittsalter der TikTok-Nutzerschaft liegt laut derselben Studie bei 32 Jahren – zum Vergleich: Instagram kommt auf 37, Facebook auf 45 Jahre.
Warum passt TikTok besser zum Recruiting als zur Patientengewinnung?
Jetzt leg diese Altersverteilung mal über deine Praxis. Wer sitzt im Wartezimmer, und wer bewirbt sich bei dir?
Die typische Patientenstruktur einer Hausarzt-, Ortho- oder Kardiologiepraxis hat ihren Schwerpunkt deutlich jenseits der 50. Genau dort erreicht TikTok laut Studie 7 Prozent. Das ist kein Kanal, das ist ein Rundungsfehler.
Deine Bewerberinnen und Bewerber dagegen sind fast alle unter 30. Die Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten ist laut Statistischem Bundesamt mit 9,4 Prozent aller neu abgeschlossenen Verträge der häufigste Ausbildungsberuf unter weiblichen Auszubildenden – und Azubis sind nun einmal jung. Dieselbe Gruppe, in der TikTok jeden Zweiten erreicht.
Dazu kommt der Druck von der anderen Seite: Die MFA gehört laut der Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit zu den ausgewiesenen Engpassberufen – es gibt schlicht zu wenige verfügbare Fachkräfte am Markt. Wer hier nur auf Stellenanzeigen wartet, konkurriert mit allen anderen Praxen um dieselben wenigen aktiv Suchenden.
Die Altersstruktur von TikTok passt in den meisten Praxen nicht zum Wartezimmer – sondern zum Bewerbungseingang.
Das ist der ehrliche Kern: TikTok ist für die allermeisten Arztpraxen kein Patientenkanal. Es ist ein Kanal, um als Arbeitgeber sichtbar zu werden – bei Menschen, die gerade gar nicht aktiv nach einem Job suchen. Genau das ist das Prinzip von Social Media Recruiting: Du erreichst die passiv Wechselbereiten, bevor sie überhaupt eine Jobbörse öffnen.
Wann lohnt sich TikTok für deine Praxis nicht?
Der ehrlichste Rat ist oft der, es zu lassen. Diese vier Situationen sprechen klar gegen TikTok:
- Deine Zielgruppe ist älter. Wenn du Patienten ab 50 gewinnen willst, ist jeder Euro in Google-Profil, Bewertungen und Website besser angelegt. Da wird gesucht, wenn Bedarf da ist.
- Instagram läuft noch nicht. Instagram hat die doppelte Wochenreichweite und erreicht mit 54 Prozent auch die 30- bis 49-Jährigen. Wer dort noch nichts aufgebaut hat, sollte nicht parallel eine zweite Plattform anfangen.
- Du suchst gerade kein Personal. Ohne Recruiting-Ziel fällt der stärkste Grund für TikTok weg.
- Niemand im Team will vor die Kamera. Erzwungene Videos sieht man. Auf TikTok fällt Unechtheit sofort auf – lieber keinen Kanal als einen peinlichen.
⚠️ Achtung
Der häufigste Fehler: TikTok als Abkürzung sehen. Wenn dein Google-Profil unvollständig ist, deine Stellenanzeige nichts über den Alltag verrät und Bewerbungen erst nach Tagen beantwortet werden, repariert kein Video der Welt das. Reichweite verstärkt ein funktionierendes System – sie ersetzt keins.
Was darfst du als Arztpraxis auf TikTok überhaupt zeigen?
Kurz gestreift, weil es der Punkt ist, an dem viele Praxen zu Recht zögern: Zwei Dinge setzen dir Grenzen.
Das Heilmittelwerbegesetz (HWG) reguliert Werbung für Heilbehandlungen streng. Heilungsversprechen, Vorher-Nachher-Darstellungen bei operativen Eingriffen und Aussagen, die Angst erzeugen, sind heikles Terrain. Und Patientenaufnahmen brauchen immer eine ausdrückliche, dokumentierte Einwilligung – ein Schwenk durchs volle Wartezimmer ist keine gute Idee.
Was das praktisch bedeutet: Recruiting-Inhalte sind rechtlich meist deutlich entspannter als Behandlungswerbung. Wenn du zeigst, wie euer Team arbeitet, was den Beruf ausmacht oder wie ein Tag als MFA bei euch aussieht, bewegst du dich weitgehend außerhalb des HWG. Das ist ein weiterer, sehr praktischer Grund, warum TikTok für Praxen eher Recruiting-Kanal ist. Die Details klären wir ausführlich im Ratgeber Darf eine Arztpraxis auf Social Media werben?.
TikTok oder Instagram – womit fängst du an?
Wenn du dich für einen Kanal entscheiden musst, hilft diese Gegenüberstellung. Alle Reichweiten-Zahlen stammen aus der ARD/ZDF-Medienstudie 2025.
| TikTok | ||
|---|---|---|
| Wochenreichweite gesamt | 40 % | 20 % |
| Wochenreichweite 14–29 Jahre | 77 % | 50 % |
| Wochenreichweite 50–69 Jahre | 24 % | 7 % |
| Durchschnittsalter | 37 Jahre | 32 Jahre |
| Stärke für die Praxis | Breite Basis, erreicht auch mittlere Altersgruppen | Sehr junge Zielgruppe, starke organische Verbreitung |
| Sinnvoll für | Erster Kanal, Mischung aus Patienten und Recruiting | Zweiter Kanal, klarer Fokus auf junge Fachkräfte und Azubis |
Die Reihenfolge ist damit ziemlich eindeutig: Instagram zuerst. TikTok kommt dazu, wenn du gezielt jüngere Bewerber ansprechen willst und die Produktion ohnehin schon läuft. Der gute Teil daran: Ein vertikales Video, das auf Instagram als Reel funktioniert, funktioniert meist auch auf TikTok. Der Zusatzaufwand für den zweiten Kanal ist klein – der Aufwand für den ersten ist es nicht.
ℹ️ Hinweis
Instagram verliert bei den unter 30-Jährigen erstmals an Boden (– 7 Prozentpunkte bei der Tagesreichweite gegenüber 2024), während TikTok in dieser Gruppe als einzige Plattform zulegt. Wenn junge Fachkräfte deine Zielgruppe sind, ist das ein Argument, TikTok nicht dauerhaft zu ignorieren.
Wie sieht ein realistischer Einstieg aus?
Falls du nach dieser Einordnung sagst: Ja, Recruiting über TikTok ergibt für uns Sinn – dann in dieser Reihenfolge.
- 1
Ziel festlegen: Personal, nicht Patienten
Entscheide dich bewusst. Ein Kanal, der gleichzeitig Patienten beeindrucken und Azubis anziehen will, erreicht beide nicht. Für die Praxis heißt das fast immer: Fokus auf Recruiting.
- 2
Ein Gesicht bestimmen
Such eine Person aus dem Team, die freiwillig vor die Kamera geht und den Beruf glaubwürdig verkörpert. Eine junge MFA wirkt auf Azubis oft überzeugender als der Inhaber.
- 3
Drei Themen definieren
Zum Beispiel: Alltag im Behandlungszimmer, Fragen zur Ausbildung, Team-Momente. Drei wiederkehrende Formate schlagen zwanzig einmalige Ideen.
- 4
Feste Kadenz statt Kampagne
Zwei bis drei Videos pro Woche, dauerhaft. TikTok belohnt Regelmäßigkeit. Ein Strohfeuer aus zehn Videos und dann Stille bringt nichts.
- 5
Bewerbungsweg auf einen Klick reduzieren
Kein PDF, kein Anschreiben, kein Lebenslauf-Zwang. Ein kurzes Formular im Profil-Link. Und dann tatsächlich antworten – am selben Werktag.
Was du dafür brauchst, ist kein Kamerateam, sondern eine Entscheidung: dass Sichtbarkeit als Arbeitgeber ein fester Teil eurer Arbeit wird und nicht ein Projekt, das nach drei Wochen einschläft. Wenn dir dabei die Kapazität fehlt, ist genau das der Punkt, an dem sich Unterstützung rechnet – wir bauen solche Systeme für Praxen und Gesundheitsunternehmen komplett auf. Wie du die Suche darüber hinaus systematisch aufziehst, steht im Ratgeber Wie finde ich neue Mitarbeiter?.
Also – lohnt sich TikTok jetzt für deine Arztpraxis?
Die ehrliche Antwort in einem Satz: Für Patienten fast nie, für Personal oft – aber nur, wenn die Grundlagen stehen und du durchhältst.
Wenn du Patienten ab 50 gewinnen willst, vergiss TikTok und investier in Google, Bewertungen und eine Website, die Termine bringt. Wenn du eine MFA-Stelle nicht besetzt bekommst und deine Wunschkandidatin 22 ist, dann ist TikTok einer der wenigen Orte, an denen du sie überhaupt erreichst – lange bevor sie eine Jobbörse öffnet.